Apfelernte 2023

Zur Apfelernte auf dem Hof von Tewes Quast

Es ist Ende September und heute habe ich einen Termin mit Tewes Quast, bei dem er mir seinen Hof in Jork im Alten Land zeigen, und mit mir über die Freuden und Herausforderungen der Erntezeit sprechen möchte. Schon als ich auf dem Hof ankomme nehme ich ein buntes, geschäftiges Treiben wahr: Es fahren Gabelstapler und kleine Traktoren umher, Erntehelfer stapeln Kisten, Tewes ist am Telefonieren und weist seine Vorarbeiter ein. Dieselmotoren knattern, ein Traktor verliert etwas Öl, Tewes und ein Mitarbeiter beraten sich über die Maßnahmen, um den Ölfluss zu stoppen. „Jetzt ist es wichtig, dass alle Maschinen zuverlässig laufen, sonst kommen wir in Verzug“, sagt Tewes. Auch Gunda und Hartwig, Tewes´ Eltern, sind vor Ort und unterstützen. Überall stehen die typischen hölzernen Erntekisten mit unterschiedlichen Apfelsorten in verschiedenen Qualitäten, Größen und Farben auf dem Hof. „Wir sind gerade in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres, in der wir -im wahrsten Sinne des Wortes- die Früchte unserer Arbeit der letzten Monate einbringen“, sagt Tewes, während er mit einem Lappen Öl vom leckgeschlagenen Schlauch des Traktors wischt. Immer wieder kommen neue Pflückzüge - so nennt man die Traktoren, die mehrere Erntekisten hinter sich herziehen - vom Feld auf den Hof gefahren. „In der Mitte der Züge sind die Mostkisten, da sind die Äpfel drin, die später zu Apfelsaft verarbeitet werden. Diese Kisten sind blau markiert“, erklärt mir Tewes.

Die ersten Eindrücke machen mir klar, dass hier mit Leidenschaft gearbeitet wird, und dass Tewes seinen Betrieb mit eben dieser Leidenschaft und viel Freude führt. Außerdem scheint es mir so, dass er gerade diese Zeiten mag, in der „Action“ angesagt, und viel Bewegung auf dem Hof ist! Trotz der vielen Arbeit findet er noch Zeit, meine Fragen zu beantworten: „Auf dieser Hofstelle sitzen zwei Betriebe, der meiner Eltern und mein Betrieb. Wir arbeiten hier seit 1990, seitdem haben wir viel entwickelt, 1999 umgestellt auf biologische Anbauweise, dann kamen noch weitere Flächen dazu, so dass wir nun insgesamt um die 50 Hektar bewirtschaften“, antwortet mir Tewes, „überwiegend sind die Flächen um die Hofstelle arrondiert, lediglich ca. vier Hektar sind in Neuenfelde, einige Kilometer entfernt.“ Er selbst ist im Frühjahr 2018 in den Betrieb eingestiegen, vorher hat er eine Ausbildung zum Obstbauer absolviert, ein Praktikum in den Niederlanden gemacht und danach Gartenbau in Osnabrück studiert (dieser Studiengang kommt dem Obstbau am nächsten, ein spezielles Obstbaustudium gibt es bisher in Deutschland nicht).

Auf meine Frage, welche Mengen an Äpfeln durchschnittlich auf seinem Betrieb produziert werden, erklärt mir Tewes, dass es sich um ca. 1000 Tonnen Lagerware handelt, und noch weitere ca. 500-600 Tonnen Äpfel, die direkt nach der Ernte vermarktet werden. Dazu gehören ca. 6 Hektar Frühäpfel der Sorten Summercrisp und Deljonka, des Weiteren z.B. Santana, Roter Altländer (eine frühe Variante des Jonagold) sowie Holsteiner Cox. Zu den Äpfeln, die nach der Ernte zum späteren Verkauf gelagert werden, gehören Marnica, Jonagored und Red Prince, sowie Topaz und Elstar. Außerdem baut Tewes noch auf ungefähr 6 Hektar Birnen der Sorten Conference und Xenia an. Fast alle Äpfel können auf dem Hof in eigenen Lagern untergebracht werden. Es handelt sich dabei um sogenannte CA- oder ULO-Lager, in welchen die Äpfel nicht nur gekühlt werden, sondern die biologischen Reifeprozesse der Äpfel durch einen niedrigen Sauerstoffgehalt in den Lagerkammern stark verlangsamt werden. Kombiniert mit einem für die Lagerung idealen Erntezeitpunkt, erhält man so auch einige Monate nach der Ernte noch vollaromatische und knackige Äpfel!

Auf dem Betrieb von Tewes arbeiten 4 festangestellte Mitarbeiter, davon ein Mechaniker, sowie 5-6 Saisonkräfte im Frühjahr zum Baumschnitt (Februar - Mai), und ab August kommen nochmal 25 Erntehelfer dazu. Die geernteten Äpfel und Birnen werden fast komplett über die Bio-Obst Augustin GmbH & Co. KG vermarktet – also auch alles über die Familie! Tewes betreibt keine Eigenvermarktung.

Jetzt möchte ich aber mal Äpfel an Bäumen sehen und vor allem auch eine typische Apfelernte live erleben! Tewes und ich laufen zu den Pflanzungen, zunächst zeigt er mir einige Testreihen mit verschiedenen Sorten, da stehen zum Beispiel Apfelbäume mit der Sorte Pia, die noch nicht im Handel erhältlich ist. Wir probieren uns durch die vielfältigen Sorten und Reifegrade – denn einige Äpfel sind noch nicht voll ausgereift, jede Sorte hat ihr eigenes Zeitfenster, in dem sie die ideale Reife hat. Natürlich hängt das auch von vielen klimatischen Faktoren ab, wie z.B. Sonnenstunden und Tages- bzw. Nachttemperaturen. Als nächstes zeigt mir Tewes seine Birnen - Testreihen und auch hier probiere ich mich durch mal knackige, mal weiche, mal feinkörnige oder auch grobkörnige Sorten, durch eher runde und längliche, durch große und kleine Birnensorten, wie zum Beispiel Gellerts Butterbirne oder Talgar Beauty. Nicht nur von Größe und Form sind das sehr unterschiedliche Sorten, auch geschmacklich gibt es da eine große Bandbreite. Gut gesättigt und mit klebrigen Fingern (vom Birnensaft) gehen wir weiter.

Während des Spaziergangs durch die schöne Apfelanlage frage ich Tewes nach seiner Motivation: „Warum bist du Obstbauer geworden? Was gefällt dir daran, Obstbauer zu sein?“ Da kommen die Antworten ganz schnell: „Mir gefällt das selbstständige Arbeiten und das langfristige Denken. Ich plane eine Kultur, und bis sie richtig in den Ertrag kommt, dauert das 5 oder 6 Jahre. Umso mehr freut es mich dann, wenn sich die Planung und die Geduld auszahlen und die Kultur gut trägt. Als Obstbauer habe ich außerdem viel Abwechslung, viele unterschiedliche Arbeiten die zu erledigen sind. Es gibt zwar Arbeitsspitzen, so wie jetzt zur Ernte, aber auch Zeiten zur Erholung.“ „Also würdest du jederzeit wieder Obstbauer werden?“ frage ich. „Absolut“ antwortet Tewes, „trotz der großen Herausforderungen, z.B. des starken Strukturwandels hier im Alten Land, der stärker als in anderen Landwirtschaftsbereichen ist - von ca. 800 Obstbaubetrieben im Alten Land noch vor 20-30 Jahren, sind jetzt noch ca. 500 Betriebe übrig - würde ich mich jederzeit wieder für diesen Weg entscheiden. Ich frage weiter: „abgesehen vom Strukturwandel, welche Herausforderungen gibt es noch? Tewes: „wir haben es, besonders im letzten Jahr, mit stark steigenden Produktionskosten zu tun, die für Betriebe wie uns bedrohlich sind – das ist ein großes Problem und wird den Strukturwandel weiter beschleunigen.“

Nach einiger Zeit erreichen wir eine Reihe mit Apfelbäumen, die gerade beerntet werden. Eine selbstfahrende Ernteplattform schiebt sich sehr langsam durch die Reihe, in der Mitte der Plattform läuft ein Förderband. Links und rechts von diesem Band stehen auf 3 Ebenen mehrere Erntehelfer, pflücken vorsichtig die Äpfel vom Baum und legen sie auf dem Förderband ab. Dieses transportiert die Äpfel zu einer Erntekiste im mittleren Bereich des Fahrzeugs, dort werden die Äpfel abgelegt. Bürsten und Gummilippen sorgen dafür, dass die Äpfel schonend transportiert und gelegt werden, so dass keine Druckstellen entstehen. Im hinteren Bereich des Fahrzeugs stehen unten die bereits gefüllten Kisten und oben die leeren Kisten, die noch mit leckeren Äpfeln befüllt werden wollen. „Diese Maschine ist ganz neu“ sagt Tewes stolz, „hier kann rückenschonend gearbeitet werden, da sich niemand mehr bücken muss, um Äpfel in die Erntekisten zu legen. Es kann auf 3 Ebenen gleichzeitig gepflückt werden: unten, oben und in der Mitte des Baumes. Wenn eine Kiste voll ist und fast vollautomatisch getauscht wird, kann trotzdem weitergeerntet werden. Ein großer Fortschritt für uns, der uns hilft, wesentlich effizienter zu arbeiten.“ Es herrscht gute Stimmung bei den Erntehelfern, auch bei ihnen scheint das neue Gerät eine positive Wirkung zu zeigen. „Bist du denn bisher mit der Menge und Qualität zufrieden?“ frage ich. „Ja, antwortet Tewes, „der Elstar hing ein bisschen durch, sonst ist alles gut im Ertrag, bis auf die Frühäpfel Summercrisp, die waren enttäuschend. Mit der Qualität bin ich sehr zufrieden, leider haben durch die Hitze Anfang September einige Äpfel Sonnenbrand bekommen, das haben wir so nicht eingeschätzt, sonst hätten wir beregnet. Durch die Wasserverdunstung entsteht eine Kälte auf der Schale, die den Apfel davor schützt, durch starke Sonnenbestrahlung Schaden auf der Oberfläche zu nehmen. Das haben wir eben nicht gemacht, da man vor der Ernte die Äpfel nicht nochmal unbedingt nass machen möchte, auch um die Fahrgassen zu schonen, die sonst zu stark aufgeweicht werden.“ Tewes zeigt mir einige Früchte mit Sonnenbrand: die Schale ist großflächig braun, es sieht für mich aus wie Fäulnis, aber wenn man die Äpfel aufschneidet, sieht man, dass lediglich die Schale Schaden genommen hat.

Während wir den Erntehelfern bei der Arbeit zusehen, und ich noch kurz gezeigt bekomme, wie man richtig Äpfel pflückt, erzählt mir Tewes von den Herausforderungen speziell zur Erntezeit. Es sind hauptsächlich organisatorische Dinge: die Erntehelfer müssen zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, es müssen genügend Arbeitskräfte da sein, wenn sich das Erntefenster auftut. Die Kisten müssen sauber und leer in ausreichender Menge auf dem Hof sein, die Maschinen und Traktoren müssen gewartet und einsatzbereit sein. Ein guter Workflow sollte implementiert sein, so dass kontinuierlich ohne große Unterbrechungen gearbeitet werden kann. Dazu braucht man geschulte und motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Tewes hat. „Das kann man alles beeinflussen und organisieren“, sagt Tewes, „nur das Wetter nicht. Wenn es jetzt dauernd regnet, kann man zwischen den Bäumen auf den sogenannten Fahrgassen kaum noch rangieren, ohne einzusinken und ohne den Boden stark zu beschädigen. Wir haben hier schwere Marschböden, das Wasser kann daher nicht gut abfließen – man kann dann nicht richtig arbeiten und wird stark zurückgeworfen. Alles andere haben wir aber gut im Griff“, meint Tewes.

Zum Schluss darf ich mir auch noch ein paar Äpfel ernten und mit nach Hause nehmen – meine ersten selbstgeernteten Äpfel! Die werden mir bestimmt besonders gut schmecken. Die Taschen voller Äpfel und mit vielen Informationen und Erkenntnissen bedanke ich mich bei Tewes und fahre glücklich und gesättigt von Hof – Meine Hände kleben am Lenkrad, immer noch der Birnensaft!

Herzlichen Dank an Tewes und sein Team für die Zeit, die ihr euch genommen habt, in der arbeitsreichsten Zeit des Jahres!

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