Sturmflut 1962

 

Meine Erinnerung an die Sturmflut 1962

Es ist Sonnabend, der 17. Februar 1962.

Es muss schon hell gewesen sein, als ich aufwachte, denn mein erster Gang war zum Fenster. Da sah ich es: der ganze Hof stand voll Wasser. Apfelscheune, Schweinestall, unser Wohnhaus – Wasser, soweit das Auge reichte.

Ich stürmte in die Küche und fragte meine Mutter voller Begeisterung: „Kann Papa mir ein Boot bauen?“ Meine Mutter:“ Wir haben in der letzten Nacht eine Sturmflut gehabt, die Deiche sind gebrochen“.

Gerade fünf Jahre alt geworden, konnte ich die Katastrophe mit über 300 Ertrunkenen, zerstörten Häusern und Tausenden toten Tieren natürlich nicht ermessen.

Für mich und meinen Bruder Heinrich, damals 3 Jahre alt, lief zunächst alles wie gewohnt. Genug zu essen und zu trinken, und an Kälte und Stromausfall kann ich mich gar nicht erinnern. Auch nicht an den Orkan in der Nacht, und dass die Erwachsenen die Lebensmittel aus dem Keller holten.

Jedenfalls war alles interessanter als sonst. Im Keller stand auch das Wasser. Die Rinder standen dicht gedrängt auf einem Tieflader auf der Diele. Unsere Schweine, zirka 5 an der Zahl, mussten aus dem Wasser im Schweinestall geholt werden und dann von der Diele aus auf den Heuboden gehievt werden. Dazu benutzten wir den Heugreifer. Ein gabelähnliches Gerät, was mit einer Seilwinde heruntergelassen wurde, und womit man einen Heuballen per Seilwinde nach oben ziehen konnte.  Das war ein Schauspiel: ein Schwein fand das gar nicht angenehm und zappelte solange in dem Greifer, dass es sich befreien konnte und kurz wieder auf den Boden fiel. Letztendlich waren alle Schweine auf dem Zwischenboden auf frischem Stroh in Sicherheit.

Ich kann nicht mehr erinnern, wie lange wir im Haus geblieben sind. Man konnte sich melden, wenn man evakuiert werden wollte. Mein Vater meldete meine Mutter, die damals das 3. Kind erwartete, meinen Bruder und mich dafür an. Das offene Sturmboot mit 3 Bundeswehrsoldaten fuhr bis ans Kinderzimmerfenster. Dort wurden wir Kinder mit meiner Mutter ins Boot geladen, ebenso meine Tante mit ihren 3 Söhnen, die schon vorsorglich in der Flutnacht zu uns gekommen waren, weil deren Haus zu überfluten drohte, was dann auch passierte. An die Bootsfahrt kann ich mich gut erinnern, wir waren dick eingemummelt. Zunächst passierten wir die Häuser von Neuenfelde, mehr oder weniger unter Wasser, dann 3 Kilometer nur Obstplantagen bis zum nächsten Ort. Irgendwie eintönig und einsam. Wie lange mag die Fahrt von 6 Kilometern wohl gedauert haben? Keine Ahnung. Wir fuhren noch auf das Gehöft meines Onkels, um zu sehen, was los war. Da schrappte das Boot auf einen Gegenstand: es war das Dach des alten Mercedes, der nicht mehr aus dem Wasser ragte. Das heißt, das Wasser stand dort so hoch, dass ein Erwachsener kaum mehr herausgeguckt hätte.

In Jork/Hove angekommen an einer Stelle, die etwas höher liegt, konnten wir das Boot verlassen und den LKW der Bundeswehr besteigen. Nach ca. einer halben Stunde erreichten wir dann den Hof meiner Uroma auf der Geest, dort hatte man schon geahnt, dass wir ankommen würden. Wir wurden so herzlich empfangen und 10 Tage lang bewirtet, dass ich heute noch gerne daran zurückdenke und immer noch, 60 Jahre später, ständigen Kontakt zu meinen Verwandten pflege.

Katrin Augustin

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